Lichtkunst

Lebensadern aus Licht

Das Amsterdam Light Festival erhellte Straßen und Kanäle

Auf einen Blick

Auch in diesem Winter gestaltete die niederländische Metropole durch temporäre Lichtkunst den urbanen Lebensraum für Bewohner und Besucher attraktiver. Vom 28. November 2015 bis 17. Januar 2016 stand das Lichtfestival unter dem Motto »Freundschaft«. 50 Künstler nahmen mit 38 verschiedenen Beiträgen daran teil.

Künstlerische Lichtinstallationen setzen Städte ab Einbruch der Dunkelheit in ein völlig ungewohntes Licht. Plötzlich treten Plätze, Landschaften oder architektonische Details hervor, die während des Tages weniger Beachtung finden. Über 55 Tage lang haben internationale Künstler dafür gesorgt, das Zentrum von Amsterdam mit seinen historischen Gebäuden und zahlreichen Grachten in aller Vielfalt erstrahlen zu lassen.

Licht führt zusammen

Die Festivalbeiträge waren mit der Route »Water Colors« per Boot vom Wasser aus oder zu Fuß über die »Illuminade« zu erreichen. Beim letzten Event verzeichneten die Veranstalter noch eine Besucherzahl von etwa 730.000, dieses Jahr wurde mit deutlich mehr gerechnet – über den gesamten Zeitraum wurden etwa 900.000 Einwohner und Gäste erwartet. Wir stellen einige Projekte vor, um einen Eindruck des umfangreichen Programms zu vermitteln. Es setzt zum einen das Stadtgeschehen in den Fokus und zeigt gleichzeitig, welche innovativen Impulse aus den Bereichen der Lichtkunst und Lichttechnik ausgehen.

THE LIGHT KITE, Water Colors

»Wir verbinden den Flugdrachen mit Sonne, Sommer, Licht und Wärme«, erklären Lieuwe Martijn Wijnands und Saskia Hoogendoorn vom Studio Tijdmakers. Ihr Projekt »The Light Kite« (der Licht-Drache) soll an unsere Kindheit erinnern, als Zeit keine Rolle gespielt hat und wir dem Papierdrachen endlos lang dabei zugesehen haben, wie er vom Wind getragen wird. »Das macht den Drachen für uns zu einem universellen Symbol von Freundschaft und Freiheit«, so das Künstlerduo, das bereits letztes Jahr mit ihrem Beitrag »178 Bottles, 1 Message«, einem leuchtenden Herzen aus Kunststoffflaschen (vorgestellt in LICHT 1-2/15), das Festivalpublikum begeisterte. Für viele Einheimische stand »The Light Kite« auch als Symbol für ein in den Niederlanden sehr bekanntes Lied: »De Vlieger« von André Hazes besingt einen solchen Flugdrachen.

Der leuchtende Flugdrachen »The Light Kite« des niederländischen Studios Tijdmakers ließ den Winter fast vergessen. Die spielerische Interpretation des beliebten Kindheits-Klassikers sorgte für unbeschwerte Stimmung.

NORTHERN LIGHTS, Water Colors

Die Arbeit der in Stockholm lebenden Künstlerin Aleksandra Stratimirovic ist eine Hommage an die Polarlichter, die sich unter anderem in ihrer Wahlheimat Skandinavien beobachten lassen, etwa von der Aurora Sky Station im Abisko Nationalpark, im nördlichsten Teil von Schweden. Aleksandras Leuchtvorhang aus LEDs erstreckte sich mehrere Meter weit über den Fluss Amstel und vermittelte durch den programmierten Lichtwechsel der Farben ein ähnlich magisches Erlebnis, als würde das Phänomen der wahren »Nordlichter« auftauchen, die für Aleksandra auch als Symbol für Freundschaft verstanden werden können. Das Projekt wurde unterstützt von InventDesign. Aleksandra Stratimirovic ist u. a. Mitbegründerin des Lighting Guerrilla Festivals in Ljubljana, Slowenien und hat zusammen mit Sandra Praun 2014 das Buch »You Say Light – I Think Shadow« herausgebracht, erschienen bei Art and Theory Publishing (www.artandtheory.org).

Wie schön, wenn man nicht in die Kälte des tiefsten Nordens fahren müsste, um das grandiose Spektakel der Polarlichter live zu beobachten. Dieser Problematik nahm sich Aleksandra Stratimirovic an. Sie schuf mit »Northern Lights« eine faszinierende Illusion aus LEDs, mitten in Amsterdam.

UNITING LIGHTSTAR, Water Colors & Illuminade

Joost van Bergen, Dirk Schlebusch und Onne Walsmitvon lernten sich auf der Academy of Architecture in Amsterdam kennen und gründeten 2012 die Designagentur Venividimultiplex. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Umsetzung interdisziplinärer Installationen, in die sie das Publikum interaktiv einbinden wollen. Das Festivalmotto »Freundschaft« setzten sie mit ihrer Lichtskulptur »The Uniting Lightstar« um. Für Venividimultiplex repräsentiert ihr »vereinender Lichtstern« Menschlichkeit und Verbundenheit. Die Basis von »Uniting Lightstar« ist ein mathematisch berechneter Dodekaeder, ein Körper mit zwölf Flächen. Auch die Europaflagge zählt 12 Sterne. Diese Flächen sind offen, Leuchtschnüre (EL-Schnüre, Electroluminescent wires) ziehen die Konturen nach und sind in den Ecken der Struktur miteinander verbunden. Erst das gemeinsame Ansteuern durch die Besucher, die unterschiedlichen Kulturen angehören, brachte den überdimensionalen Stern zum Leuchten. »Uniting Star« wurde von Canal unterstützt (Holland International Canal Cruises, www.canal.nl) und war am Pier vor dem Museum Hermitage Amsterdam zu sehen.

Mit »Uniting Lightstar« gestaltete das Amsterdamer Studio Venividimultiplex einen leuchtenden Diamanten aus Lichtschnüren, der seine ganze Leuchtkraft erst durch die Interaktion der Festivalbesucher erlangte.

TALKING HEADS, Water Colors

Für das vierte Amsterdam Light Festival entwarf der ungarische Interaction Designer Viktor Vicsek »Talking Heads«, zwei sich gegenüber stehende Objekte in Form von überdimensionalen Köpfen. Wenn Menschen mit ihrem Gesicht durch Mimik auf Emotionen reagieren, geschieht das hauptsächlich durch den Einsatz von Muskeln. So ist es möglich, auch wortlos zu kommunizieren, elementare Gefühle wie Freude oder Traurigkeit anhand abgespeicherter Muster zu erkennen. Die »Talking Heads« taten dies im übertragenen Sinne mit Licht: Pro Kopf ließen sich etwa 4000 LEDs individuell kontrollieren, beide Exemplare waren per Wi-Fi miteinander verbunden und tauschten sich dadurch aus. Sie reagierten aufeinander, auf das Publikum und unterbrachen ihre Unterhaltung, sobald ein Boot die Herengracht entlangfuhr und die Verbindung kurzzeitig störte, um wieder mit einer neuen Konversation aus Licht zu beginnen. Victor Vicsek realisierte Kunstinstallationen für Ausstellungen, Theater und Tanzaufführungen. Aktuell liegt sein Fokus auf Architektur- und 3D-Projektionen für Lichtfestivals. Nachenius Tjeenk Stichting sponsorte den Beitrag.

Zwei schimmernde Köpfe überstrahlten die Herengracht: Viktor Vicseks »Talking Heads« waren mit einzeln ansteuerbaren LEDs bestückt und konnten via Wi-Fi-Verbindung und durch die Beteiligung des Publikums in Form von Lichtimpulsen miteinander »kommunizieren«.

Das Amsterdam Light Festival entstand aus der Initiative von einigen Unternehmern der Stadt, mittlerweile handelt es sich um eine private Stiftung, die auf der Unterstützung und Zusammenarbeit mit Kommune, Kultur- und Wissenseinrichtungen, Handel und Industrie basiert. Rogier van der Heide ist Gremiumsmitglied und künstlerischer Leiter.

Weitere Informationen:

Text: Andrea Mende, Leipzig
Fotos: Frans Karssing

amsterdamlightfestival.com/en

tijdmakers.nl

venividimultiplex.com

www.nacheniustjeenkstichting.nl

www.strati.se


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