Projekte

Frohe Botschaften in neuem Licht

Neue Lichtgestaltung für die Propsteikirche St. Johann in Bremen

Auf einen Blick

Die katholische Propsteikirche St. Johann ist eine der großen Kirchen in Bremen. Die einzig erhaltene Klosterkirche erhebt sich als prägnanter Vertreter der Backsteingotik inmitten des Bremer Schnoorviertels. Im Rahmen einer umfassenden Sanierung wurde auch die Beleuchtung des Kirchenraums erneuert. Die Kirche erhielt eine eigens für die vielfältigen Nutzungen der Citykirche entworfene Lichtgestaltung.

Die Propsteikirche wurde im 14. Jahrhundert als Klosterkirche des Franziskanerordens auf den Fundamenten eines Vorgängerbaus aus dem 13. Jahrhundert errichtet. St. Johann ist ein prägnanter Bau der Backsteingotik. Alle drei Kirchenschiffe werden von einem einzigen großen Satteldach überdeckt. Durch diese Bauform erhält der Westgiebel seine außergewöhnliche Form und Größe. Er ist in drei Geschosse unterteilt, die ihrerseits durch paarweise angeordnete Spitzbogenblenden gegliedert werden. Einen Turm wies das Gebäude in Einklang mit den Ordensregeln der Franziskaner ursprünglich nicht auf, allerdings besitzt die Kirche einen Dachreiter. Der Hauptraum der Kirche wirkt durch die Hebung des Fußbodens um drei Meter zu Beginn des 19. Jahrhunderts vergleichsweise niedrig. Den Umbau von 1822/23 kann man vor allem außen an den unten zugemauerten Chorfenstern erkennen.

In verschiedenen Bauabschnitten gestaltete und modernisierte die Architektengesellschaft Ahrens & Pörtner das Gebäudeensemble. Im letzten Bauabschnitt von April bis Oktober 2016 wurde der Kirchenraum saniert: Unter anderem wurde der Chorraum durch die Architekten neu geordnet, die Raumschale hell gefasst, die Farbigkeit der Stützen und die Plastik des Tabernakels neu interpretiert sowie der Eingangsbereich unter der Empore mit einer klaren Formensprache neu gestaltet und hinsichtlich der Funktionen neu organisiert. Für wohnungslose und bedürftige Menschen hat die Kirchengemeinde St. Johann in einem Nebenraum des Altarraums die „Johannis-Oase“ eingerichtet. Obdachlose können dort duschen, ihre Wäsche waschen und trocknen. Zudem erfolgte unter der Federführung von Architekt Jürgen Hinse eine Aktualisierung der technischen Gebäudeausrüstung; in diesem Zusammenhang wurde der Innenraum von den künstlerisch arbeitenden Lichtplanern der silberstreif-planungsgruppe beleuchtet.

Das Hauptschiff und der lange, ausgeprägte Chorraum sollten über das Licht als Einheit wahrgenommen und verbunden werden. Säulen, Dienstsystem und Gewölbe werden vom Boden aus beleuchtet.

Leistungsstarke, lineare Bodeneinbauleuchten geben weiches, blendarmes Licht im Raum ab, der Chorraum wird über brillantes Licht akzentuiert.

Aus guten Erfahrungen lernen

Eine Lichtinstallation mit Licht- und Raumkünstler Mario Haunhorst im Rahmen der „Nacht der offenen Kirchen 2013“ gab für die Kirchengemeinde unter der Leitung von Propst Dr. Martin Schomaker den Anstoß zu einer Wertediskussion, in deren Verlauf bei den Entscheidungsträgern eine neue Offenheit für den Umgang mit Licht im Kirchenraum entstand. Damit verbunden war die Bereitschaft, für anlassbezogene wechselnde Lichtwirkungen in frische Ideen und neue Technik zu investieren. Im Planungsprozess wuchs durch die Auseinandersetzung mit Referenzprojekten und Leuchtenmustern zudem die Bereitschaft und das Verständnis mit der Erfahrung, wie moderne Techniken das Sehen und Hören im Kirchenraum verbessern. In einer Kirche, die sich den Menschen zuwendet, zieht gutes Sehen und gutes Hören ein besseres Verständnis nach sich – in vielen Fällen verbunden mit einer höheren emotionalen Akzeptanz. Da die Citykirche St. Johann vielfältig genutzt wird, wurden die Weichen schließlich zugunsten eines leistungsfähigen Lichtsystems mit eigens für den Raum entwickelten Leuchten gestellt.

Projektspezifische Fertigung und gestaltbare Lichtszenen

Die Vision, den Zusammenhang von Hauptschiff und dem langen, ausgeprägten Chorraum mit Licht zu unterstreichen, führte zur Vorstellung, die Säulen, das Dienstsystem und Gewölbe bodengebunden zu beleuchten und somit indirekte Lichtanteile in den Raum zu bringen. In einem konzentrierten Planungsprozess entstand eine Lichtlösung, die von den Entscheidungsträgern begeistert aufgenommen und in der Folge mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt wurde. Mit neuen Leuchtenentwicklungen reagierten die Planer auf die besonderen Anforderungen des kulturhistorisch bedeutsamen Raums: Augenfällig, aber formal zurückhaltend und in den Raum eingebunden sind die neuen, großen Pendelleuchten in den Mittelschiffsarkaden. Für sie entwickelten die Planer ein auf Seilzugtechnik basierendes Revisionssystem. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man die Gewölbedownlights, die in diesem Projekt für eine effiziente, zurückhaltende Grundausleuchtung aus großer Höhe entwickelt wurden. Während die leistungsstarken, linearen Bodeneinbauleuchten weiches, blendarmes LED-Licht geben, sind die Lichtsysteme, die dem Chorraum von St. Johann in Verbindung mit farbigen Bodenleuchten in brillantes Licht tauchen und die liturgischen Orte akzentuieren, präzise fokussiert. Erst nach und nach erschließt sich den Augen des Betrachters die ausgefeilte Lichtverteilung, die durch den Einsatz von 160 Leuchten erreicht wird. In Verbindung mit dem Lichtmanagement spielen die ausnahmslos dimmbaren Komponenten zusammen und wandeln den Kirchenraum. Der Systemanschlusswert der Beleuchtung liegt unter 4700 Watt. Das Bedienelement des neuen Lichtinstruments haben die Planer mit einer eigenen Menülogik sowie mit einer grafischen Oberfläche ausgestattet. Auf einem Grundriss der Kirche werden die aktiven Leuchten angezeigt. Ziel ist eine Kombination von visueller Kontrolle und effektiven Steuerungsmöglichkeiten. Bediener sollen sich schnell und intuitiv zurechtfinden; Backups und Zugangscodes schützen die Nutzer vor ungewollten Überraschungen.

Sensible Lichtführung

Für Feiern und Veranstaltungen wie etwa die Nacht der offenen Kirchen kann die Kirchengemeinde künftig farbiges Licht einsetzen, ohne wie bisher auf Veranstaltungstechnik zurückgreifen zu müssen: Im Chorraum und hinter den Prospekten der Orgel sind Farbwechsler einbaut, die ergänzend zum weißen Licht eingesetzt werden. Für die Anlässe im Jahresfestkreis sind feste Lichtszenarien abrufbar, aber auch neue Lichtbilder sind einfach zu gestalten und flexibel umzusetzen. Die Wahl der unterschiedlichen Lichtstimmungen schafft eine anlassbezogene Atmosphäre und macht bei sensibler und behutsamer Lichtführung den Gottesdienst, Meditationen oder Konzertveranstaltungen buchstäblich zu frohen Botschaften in neuem Licht.

Für den Kirchenraum entwickelten die Planer Pendelleuchten mit einem auf Seilzugtechnik basierenden Revisionssystem.

Auffällig, aber formal zurückhaltend und in den Raum eingebunden sind eigens hierfür entwickelten, großen Pendelleuchten in den Mittelschiffsarkaden.

Weitere Informationen:

Projekt: Sanierung der Propsteikirche St. Johann, Bremen
Fertigstellung der Kirche: 29. Oktober 2016
Bauherr: Propsteigemeinde St. Johann, Bremen
Architekt: Ahrens + Pörtner Architektengesellschaft, Hilter a.T.W.
Lichtplanung und Leuchtenentwurf: silberstreif-planungsgruppe, Krefeld, www.silberstreif-pg.de
Elektroplanung: Planungsbüro Stefan Heise, Bremerhaven
Elektroinstallation: Elektro Sasse GmbH, Bremerhaven
Leuchtenhersteller / Lichtmanagement: stgLicht GmbH, Krefeld, www.stg-krefeld.de
Text: Mario Haunhorst
Fotos: Silberstreif Planungsgruppe


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