Lichtkunst

Deutsch-französische Lichtblicke

Studentische Installationen zu den Fêtes des Lumières in Lyon

Auf einen Blick

Alles begann vor 160 Jahren mit Kerzen auf den Fenstersimsen. Und bis heute wird Lyon, drittgrößte Stadt Frankreichs, in den Tagen um den 8. Dezember durch diesen Brauch erhellt. Mittlerweile werden die Lichter in den Fenstern jedoch von Lasern, Projektoren und riesigen Strahlern überboten, die die Stadt in ein glitzerndes Lichtermeer verwandeln. Die Fête des Lumières, eines der größten Lichterfeste weltweit, versammelt jährlich bis zu vier Millionen Besucher in der Metropole an Rhône und Saône.

Die Fête des Lumières taucht die Stadt Lyon jedes Jahr im Dezember in magisches Licht.

Zur Geschichte des Festivals

Die Anfänge der Fête des Lumières gehen bis ins 17. Jahrhundert zurück. 1643 erreichte die Pest die Tore der Stadt Lyon. Dass die Rhône-Metropole wie durch ein Wunder von der Seuche verschont wurde, schreiben die im christlichen Glauben verwurzelten Einwohner traditionell der Jungfrau Maria, Schutzpatronin Lyons, zu. Dies gab Anlass, jährlich am 8. September, dem Fest Mariä Geburt, zu einer im 12. Jahrhundert zu Ehren der Gottesmutter errichteten Kapelle zu pilgern, um dort Kerzen anzuzünden. Im Jahr 1852 sollte dort eine goldene Marienstatue eingeweiht werden. Der Termin wurde wegen Hochwassers und Unwettern auf den 8. Dezember, dem Fest Mariä Empfängnis, verschoben. Dankbar entzündeten die Lyoner Bürger Lichter auf ihren Fenstersimsen und tauchten die ganze Stadt in ein warmes Licht. 1989 wurde schließlich aus dieser Tradition die Fête des Lumières, ein viertägiges Lichterfest, das Lyon in ein leuchtendes Gesamtkunstwerk verwandelt.

Teilnehmende Studierende 2011: Djamila Amani, Tina André-Bourcier, Jana Barthel, Quentin Bernard, Marc Christenfeldt, Camilo Correa, Florent Couedou, Erwan Courtel, Laurent Demauge-Bost, Aicha Diakite, Jimmy Ducrocq, Cosme Franiatte, Cédric Gradon, Mareike Hantschel, Florian Heptner, Alain Jalad, Vincent Jasmin, Anna Kirsten, Elena Koch, Lena Kohlhof, Eleni Konstatou, Marian-Gero Leifert, Shir Levanon, Angeliki Manthou, Thomas Mesnil, Joseph Pedron, Romain Petit, Damien Poujol-Lopez, Alexander C. Pusch, Aubin Ribeyron, Gesa Schatte, Anne Schiedewitz, Michael Schmidt, Angeliki Tagara, Clémant Theron, Helena Wagner, Antoine Thomas, Anaëlle Vinçot, Jennifer Wong.


Teilnehmende Studierende 2012: Margot Abadie, Luise Albrecht, Frédéric Arnaud, Marine Besset, Jérome Bonomo, Elisabeth Bormann, Pierre-Alexandre Cahier, Marie Carayon, Sandra Duret, Baptiste Fabre, Alexis Giraud, Jean-Baptiste Guerlesquin, Lydia Kenawi, Tabea Kenawi, Thibaud Klein, Jérémy Lavis, Yu Liu, Sabine Pauze, Lucas Saintot, Carolin Seib, Alexander Suter, Quentin Thivillon, Peter Tietgen, Jonathan Vivier, Adrien Vier, Qiyuan Zhu.

Deutsch-französische Kooperation

Die Organisation der neun studentischen Projekte in den Jahren 2011 und 2012 lag bei der »Plateforme de la jeune création franco-allemande – Plattform für deutsch-französische Kunst«. Dieser 2007 in Lyon gegründete Verein bietet jungen Künstlern aus Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern ein Forum für den Austausch und die künstlerische Weiterbildung. Im Frühjahr 2011 regte die Plattform erstmals die Zusammenarbeit zwischen der IAE Lyon – Université Jean Moulin Lyon 3 und der Technischen Universität Berlin an: Deutsche und französische Studierende aus den Fachrichtungen Lichttechnik und Architektur sollten in interdisziplinären und interkulturellen Teams zusammenarbeiten, um im Rahmen des Lichterfestes sowohl gestalterisch wie technisch anspruchsvolle Lichtinstallationen zu präsentieren. Die Studierenden sollten dabei lernen, fachübergreifend ihre Kompetenzen einzubringen, und gleichzeitig die Methoden anderer Fachrichtungen kennenlernen. Dabei galt es auch, kulturelle und sprachliche Unterschiede zu überwinden. Die künstlerische und technische Leitung seitens des Fachgebiets Lichttechnik der TU Berlin lag bei Raphael Kirsch, Carolin Liedtke und Mathias Niedling. 2011 wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Gebäudetechnik und Entwerfen und dem Masterstudiengang Bühnenbild, Szenischer Raum, der TU Berlin, betreut durch Guido Neubeck, Oliver Sachse und Franziska Ritter, umgesetzt. 2012 wurden die Projekte zusammen mit Frank Hülsmeier und dem Studiengang Architektur der HTWK Leipzig realisiert, der bereits in den Jahren 2009 und 2010 Kooperationspartner der Plattform war. Auf französischer Seite waren Bernard Dussuc und Pierre Morat von der IAE Lyon sowie Sarah Brinkmann, Alice Hénaff, Luise Münter und Marie-Liesse Zambeaux von der Plattform für deutsch-französische Kunst für Leitung, Aufbau und Organisation verantwortlich.

Die studentischen Arbeiten zur Fête des Lumières 2011 entstanden zum Thema »Natur und Stadt – Nature et Ville«. Das Bild zeigt die Installation »Tatort/Scène de crime«: Der szenische Zyklus der audio-visuellen Installation beginnt mit einem Schuss – ein toter Baum wird sichtbar. Der Mord versinnbildlicht das Zurückdrängen der Natur durch die Stadt, die stellvertretend für den Einfluss des Menschen steht. Anschließend erwacht langsam neues Leben, Blumen sprießen hervor und die Natur findet wieder zu alter Stärke zurück.


Zu den 2011 gezeigten Installationen gehörte »Die Wunderverkaufsmaschine/Le Distributeur de miracles«, die die Sehnsucht der Menschen, der Stadt zu entfliehen, thematisiert: In einem ehemaligen Reisebüro konnten die Festivalbesucher aus drei Möglichkeiten ihr Wunschziel aussuchen und per Knopfdruck eine darauf abgestimmte fantasievolle Landschaftskulisse in Gang setzen. Die sich als eine Art Spielautomat präsentierende, weithin sichtbare Arbeit lockte zahlreiche große und kleine »Traumreisende« an.

Projektplanung durch Workshops in Berlin

Zum Auftakt jedes Projektjahres wurde ein einwöchiger Workshop jeweils im Oktober an der TU Berlin durchgeführt, in dessen Rahmen die Teilnehmer in Projektgruppen eingeteilt und die Installationen konzeptioniert wurden. Eine besondere Herausforderung lag in der Zusammensetzung der Gruppen, die zu gleichen Teilen aus französischen und deutschen Studierenden der unterschiedlichen Disziplinen bestehen sollten. Um den interkulturellen Austausch zwischen den Studierenden zu fördern, beherberg- ten die deutschen Teilnehmer in diesem Zeitraum die französischen Studierenden, während die deutschen Teilnehmer zur Fête des Lumières bei den französischen Studierenden übernachteten. So konnten alle Beteiligten Kultur und Lebensweise des anderen Landes kennenlernen.

Themenvorgaben der Installationen 2011 und 2012

Die Installationen standen jedes Jahr unter einem anderen Thema. Für die Fête des Lumières 2011 ging es darum, Inszenierungen unter dem Aspekt »Natur und Stadt« zu entwickeln. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Élysée-Vertrages im Januar 2013 standen die Projekte des Festivals 2012 unter dem Motto »Dualität«: Sie sollten die deutsch-französischen Beziehungen und den Blick auf das jeweilige Land aus der Perspektive des Nachbarn aufgreifen. Somit galt es in den ersten Workshop-Tagen, Stories zu entwerfen, die zum Lichterfest erzählt werden sollten.

Herausforderungen

Bereits in dieser frühen Phase zeigte sich in fast allen Projektgruppen die unterschiedliche Herangehensweise der beteiligte Studierenden. Während die angehenden Ingenieure lernen mussten, ihr technisches Denken in der Konzeptionsphase hinten anzustellen, profitierten die Architekten bei der Umsetzung der Ideen vom Know-how der Techniker.

Eine weitere Herausforderung bestand in den zu inszenierenden Orten. 2011 und 2012 dienten erstmals leer stehende Ladenlokale im Zentrum Lyons als Kulisse für die studentischen Arbeiten. Somit waren die Projekte an einem zentralen Punkt des Lichterfestes platziert und konnten von vielen Besuchern angeschaut werden. Allerdings mussten die Installationen hinter Schaufenstern realisiert werden und waren somit nicht begehbar. Für eine mögliche Interaktion mit dem Betrachter mussten also geeignete Wege gefunden werden.

Ein Nest ist in der Natur ebenso wie in der Stadt ein Rückzugsort, es bietet Obdach und Ruhe. Die Installation »Das Nest/Le nid de Lumière« (2011) bot dem in der Festivalzeit »hart arbeitenden« Licht einen solchen Rückzugsort. In Echtzeit erfuhren die Besucher, wie das Licht gegen 17 Uhr »aus dem Schlaf« erwacht, seine Energie bündelt und zum täglich um 18 Uhr beginnenden Lichterfest »zur Arbeit eilt«. Eine Projektion nimmt die Besucher während dieser Zeit mit auf einen Streifzug durch die illuminierte Stadt. Gegen 1 Uhr nachts kehrt das Licht erschöpft in sein Nest zurück.

Kulturelles Rahmenprogramm in Berlin

Neben der Projektarbeit gab es außerdem ein kulturelles Rahmenprogramm in Berlin. Die Firma Sonepar lud in beiden Jahren zunächst zur Besichtigung des Berliner Olympiastadions ein, bevor der Abend im Brauhaus Spandau seinen Ausklang fand.

Zudem führte der Berliner Lichtplaner Hans-Jürgen Rathmann durch die beleuchtete deutsche Hauptstadt. Der Schwerpunkt seiner Ausführungen lag auf den Themen Lichtplanung sowie urbane Gestaltung mit Licht. Beispielhaft betrachtet wurden dabei die Beleuchtung des Brandenburger Tors sowie die Realisation der Lichtmasterpläne Unter den Linden und des Ensembles am Gendarmenmarkt.

Präsentation der Konzepte vor einer Fachjury

Die Workshop-Woche endete jeweils mit der Präsentation der Ideen und Konzepte vor einer Fachjury, die sich aus den Betreuern der beteiligten Universitäten und geladenen Gastkritikern zusammensetzte. 2011 zählten dazu der Lichtplaner und -künstler Herbert Cybulska sowie Britta Hölzemann, Redakteurin der Zeitschrift LICHT. Für die Konzepte des Workshops 2012 gaben Bettina Pelz, seit zehn Jahren Kuratorin verschiedener Lichterfeste in Europa und Dozentin an der Hochschule für Künste Bremen, Katharina Berndt und Andreas Wiegand von der Künstlergruppe »Luminauten« sowie der Leipziger Lichtkünstler Jürgen Meier ihr Feedback zu den Projekten.

Die Inspiration zur Installation »Es war einmal ein Tabakladen/Il était une fois un tabac« (2011) lieferte der zu inszenierende Ort, ein ehemaliger Tabakladen, selbst: Wie zerstörerisch und achtlos Menschen in der Stadt mit der Natur umgehen, symbolisiert das glimmende, qualmende Meer aus Zigarettenstummeln im ersten Bild der szenischen Abfolge. Nach und nach entstehen aus der Asche immer mehr zarte grüne Tabakpflanzen. Die Installation thematisiert den Kreislauf des Lebens aus Werden und Verfall und zeigt, wie aus den giftigen Zigaretten neue, Sauerstoff produzierende Pflanzen werden.


Ein anscheinend unbewohntes, leer stehendes Geschäft bildet die Kulisse der interaktiven audiovisuellen Installation »Lonely Heart Club« (2011): Tiefe ruhige Atemzüge und ein sanft schimmerndes Licht weisen kaum merklich auf die Existenz eines natürlichen Organismus im Untergeschoss des Gebäudes hin. Nähern sich Besucher dem scheuen Wesen, erwacht der Organismus und reagiert heftig mit Licht- und Soundeffekten auf die ihm plötzlich zuteilwerdende Aufmerksamkeit.


Die Installation »Das Leben der Unseren/La vie des nôtres«, die zur Fête des Lumières 2012 zum Thema »Dualität/Dualité« entwickelt wurde, beleuchtet die enge Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland. Das Verhältnis beider Seiten zueinander ist gekennzeichnet durch Konflikt und Versöhnung im Verlauf der Jahrhunderte. Als Stilmittel und »Geschichte(n)erzähler« wurden hier die in beiden Ländern bekannten und sich doch unterscheidenden Ampelmännchen ausgewählt.


»Dualität – Deutsch-Französische Freundschaft« spiegelt sich im Projekt »Leuchtende Metamorphose/Métamorphose lumineuse« vor allem durch die Betonung – scheinbarer – Gegensätze wieder. Thematisiert wird hier die Dualität der beiden Länder in ihrer gemeinsamen Geschichte, aber auch die Beziehung von Mensch zu Mensch. Verschiedene Lichtfarben ebenso wie durch Licht inszenierte Raumtiefen und begrenzte Einblicke geben dem Betrachter einen eigenen Interpretationsspielraum.

Realisierung

In der Zeit zwischen dem Workshop und der Präsentation der Projekte im Dezember in Lyon wurden die Konzepte weiter verfeinert und optimiert. Ein besonderer Schwerpunkt lag hierbei in der Beschaffung von Fördermitteln und Material zum Aufbau der Installationen. Zudem musste die Realisierbarkeit der Ideen getestet werden. Es galt, möglichst viele Details der Arbeiten im Vorfeld zu prüfen und umzusetzen, damit sich die Installationen in Lyon problemlos realisieren ließen.

Die Aufbauphase vor dem Festival in Lyon stellte die Studierenden vor die letzte große Herausforderung. Da selten alles so funktionierte wie geplant, musste häufig improvisiert werden, um die Projekte erfolgreich abzuschließen. Vielfach wurde bis zur letzten Minute in den Ladenlokalen gearbeitet, damit die Installationen pünktlich zum Festivalbeginn einsatzbereit waren.

Positive Resonanz

Dass sich die Arbeit für die Studierenden gelohnt hat, zeigte die positive Resonanz der Zuschauer und der geladenen Gäste. So stand die Installation »Le Distributeur de miracles« lange Zeit auf dem ersten Platz der Zuschauerbewertung der Fête des Lumières 2011 und schaffte es auf die offizielle Startseite des Lichterfestes. Auch der Bürgermeister der Stadt Lyon, Gérard Collomb, und der Generalkonsul der deutschen Botschaft in Lyon, Dr. Christian Seebode, waren sichtlich beeindruckt und luden anschließend zu einem offiziellen Empfang.

Auf der Konferenz »Rencontres Régionales Européennes« 2011 im Hôtel du Département und 2012 im Goethe-Institut Lyon hatten die Studierenden noch einmal die Möglichkeit, ihre Projekte öffentlich vorzustellen.

Dank an die Sponsoren

Betreuer und Studierende bedanken sich ausdrücklich bei allen Sponsoren und Partnern, die diese Zusammenarbeit ermöglicht haben.

Die Installation »Der Vogel/L’Oiseau« (2012) zeigte »Dualität« als das Zusammenwirken zweier Kräfte, die nur gemeinsam zu einem positiven Ergebnis gelangen können: Der Vogel im Käfig kann nur befreit werden, wenn zwei Kräfte gemeinsam und gleich stark agieren – ansonsten herrscht Unfreiheit und Ungleichgewicht. Die Arbeit versteht sich als Symbol der deutsch-französischen Freundschaft. Sie verwendet das Prinzip des Fettfleck-Photometers von R. W. Bunsen. Dieses wurde in Verbindung mit dem quadratischen Entfernungsgesetz zur Relativmessung der Lichtstärke zweier Lichtquellen benutzt.


Die Installation »Netzbeziehungen/Relations d’un réseau« vereint in sich drei Aspekte der Dualität: Entscheidungen treffen, verschiedene Sichtweisen haben und in Beziehung zueinander stehen. Das durch den kompletten Raum gespannte dreidimensionale Netz symbolisiert Gemeinschaft, Geflecht und Strukturen von Beziehungen zwischen Menschen. Die in Sequenzen gegliederte Installation zeigt wechselnd Lichträume und Wege durch das Netz. Das Licht verfängt sich in den Knoten und löst die Spannungen auf.

Weiterführende Infos

Objektinformationen:

Projekt: Studentische Installationen zu den Fêtes des Lumières 2011 und 2012

Sponsoren 2011 und 2012: Asso‘ Lumière, DFJW Deutsch-Französisches Jugendwerk, Deutsches Generalkonsulat in Lyon, Docks Lyonnais, Goethe-Institut Lyon, Grand Lyon, Osram, Philips, Sonepar, Stadt Lyon, Théâtre des Asphodèles, WE-EF, Zumtobel

Autoren: Raphael Kirsch, Carolin Liedtke, Mathias Niedling, TU Berlin; www.li.tu-berlin.de

Fotos: Alice Hénaff, Raphael Kirsch, Carolin Liedtke, Jean-Marie Refflé

www.fetedeslumieres.lyon.fr


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