Designleuchten

Alles im Lot

Leuchte »Day & Night« arbeitet biorhythmisch mit farbigem Licht

Auf einen Blick

Als Teil ihrer Abschlussarbeit an der Design Academy Eindhoven entwickelte Eléonore Delisse die Leuchte »Day & Night«. Über den Tagesverlauf verteilt, wechselt sie morgens von aktivierendem, blauem Licht hin zu beruhigendem, rotorangefarbenem Licht am Abend.

Die blaue Glasscheibe deckt die Zeit mit aktivierendem Licht zwischen 6 und 12 Uhr ab, das rot besetzte Leuchtobjekt spendet zwischen 18 Uhr und Mitternacht ein angenehmes Licht, das an Sonnenuntergänge erinnert. Die Scheiben schaffen eine halbe Umdrehung innerhalb von sechs Stunden, für den Nutzer kaum bemerkbar. Durch die Beschichtung des zweifarbigen Glases und die Ausrichtung der LED auf das Glas verändern sich währenddessen die Farben des Lichts.

Die eigene, innere Uhr des Menschen ist auf regelmäßige Abläufe angepasst: morgens beginnt mit dem Sonnenaufgang die aktive Phase, abends kehrt im Einklang mit dem verringerten Sonnenlicht langsam wieder Ruhe ein. Das Licht spielt dabei eine elementare Rolle, es wird vor allem über die Augen und die Haut aufgenommen. Es bringt unseren täglichen, sogenannten circadianen Rhythmus in Takt und steuert den Wechsel zwischen Tag und Nacht. Das Licht beeinflusst wichtige Abläufe in unserem Körper und hat auch Auswirkungen auf unsere Stimmung. Beginnt der Tag mit strahlendem Sonnenschein, fühlen wir uns voller Energie und konzentrationsstark. Ein grau verhangener Regentag bewirkt oft, dass wir uns eher müde und antriebslos empfinden. Auch der Wechsel der Jahreszeiten spielt in diese Abläufe mit hinein, der Mangel an Licht in den Wintermonaten kann unter Umständen bei empfindlichen Menschen zu depressiven Stimmungen führen (SAD, Seasonal Affective Disorder).

Leuchte »Day & Night« startet in den Tag mit einem tiefen, dunklen Blau. Die LED-Lichtquelle sitzt mittig unten in der halbkreisförmigen Holzhalterung, von dort wird das Licht durch das dichroitische (zweifarbige) Glas projiziert. Mit Verlauf der ersten Phase zwischen 6 Uhr morgens und 12 Uhr mittags verändert sich das dunkle Blau hin zu einem hellen, luftigen Farbton.

Komplexe Abläufe

Das Auge nimmt das Licht über die Linse und die Netzhaut auf. Dort übernehmen Stäbchen und Zapfen die Übertragung der Lichtimpulse auf das Gehirn, das damit u.a. hormonelle Abläufe steuert. Zu Tagesbeginn werden verstärkt das Stress- und Aktivitätshormon Cortisol sowie Serotonin ausgeschüttet, das stimmungsaufhellende »Wohlfühlhormon«. Gleichzeitig wird die Melatonin-Produktion unterdrückt, welches dafür zuständig ist, den Schlaf in der Nacht zu fördern. Weitere, wichtige Rezeptoren sind die Ganglienzellen im Auge. Sie beinhalten das Melanopsin, das am stärksten auf den blauen Anteil im Licht reagiert. Mehrere Studien haben gezeigt, dass ein erhöhter Blauanteil den meisten Menschen am Morgen hilft, besser wach zu werden. Daran wollte Eléonore Delisse mit ihrem Entwurf von »Day & Night« anknüpfen. »Alle existierenden Lösungen hinsichtlich SAD beziehen sich auf die Intensität des Lichts. Ich war mehr daran interessiert, das Ganze von einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich wollte mich nicht nur auf Luxeinheiten beziehen, sondern einen farblichen Rhythmus schaffen, der das durch das Gehirn gesteuerte Verhalten beeinflusst«, erklärt die Französin, die dieses Jahr ihr eigenes Designstudio in Eindhoven gegründet hat.

Rotierende Scheiben

Hinzu kommt, dass sich heutzutage für viele Personen der natürliche Wechsel zwischen Tag und Nacht deutlich verschoben hat. Arbeitszeiten orientieren sich nicht mehr am »normalen« Tagesablauf, sie verkürzen häufig den Abend und somit die Ruhephasen. Ein erhöhter Blauanteil des künstlichen Lichts am Abend (zum Beispiel vom Computerbildschirm) kann zur Störung der inneren Uhr führen. Die Produktion von Melatonin wird unterdrückt, was Schlafmangel und Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und ein geringeres, körperliches Wohlbefinden hervorrufen kann. »Day & Night« soll das, was durch unseren modernen Lebensstil so durcheinander gerät, wieder in Einklang bringen.

Eléonores Projekt umfasst zwei Leuchten: eine spendet bläuliches, die andere rötliches Licht. Mittelpunkt der Leuchten bilden jeweils Scheiben aus dichroitischem Glas, die sich innerhalb einer halbkreisförmigen Halterung aus Holz befinden. Dort ist auch die LED-Technik untergebracht. Zu Beginn projiziert das Lichtobjekt durch die blaue Scheibe von 6 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags ein aktivierendes, blaues Licht – zunächst ein sehr dunkles, tiefes Blau, das langsam zu einem hellen, luftigen Blau wechselt.

Ein intensiv leuchtender, bernsteinfarbener Ton sorgt für ein warmes, beruhigendes Licht am Abend. Der Fuß aus Marmor unterstreicht die reduzierte Formgebung, die sich auf wenige Materialien beschränkt.

Ab 18 Uhr leitet das Lichtobjekt mit der roten Scheibe den Abend und somit die Erholungsphase ein. Es zeigt über einen Ablauf von sechs Stunden jene Farben, die wir bei einem Sonnenuntergang beobachten können: es startet mit einem Gelb, geht über in einen goldenen Bernsteinton bis hin zu einem tiefen Rot, das es bis Mitternacht erreicht. Die Scheiben von »Day & Night« durchlaufen innerhalb dieser Zeit eine halbe Umdrehung, so dass die Bewegung kaum wahrnehmbar ist, der gesamte Verlauf ist für den Nutzer bereits programmiert. Die Leuchte war für den Wallpaper Award 2015 nominiert und wird nun von einer Pariser Galerie als Kleinserie produziert.

Eine tiefrot leuchtende »Sonne« taucht zum späten Abend auf. Das rote Spektrum erreicht seinen Höhepunkt gegen Mitternacht mit einem dunklen, satten Farbton.

Weitere Informationen:

Eléonore Delisse, www.eleonoredelisse.com
Fotos: Laurids Gallée
Text: Andrea Mende, Leipzig


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