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Die Visualisierung des Unsichtbaren

Licht als wesentliches Gestaltungselement in der Pharmazie-Ausstellung im Deutschen Museum München

Lis Miebach, Hannah Vater

Der Einführungsbereich begrüßt die Besucher mit duftenden Heilpflanzen; durch einen Tunnel führt der Weg zur Hauptausstellung

Mit einem Team aus handverlesenen Doktoren und Designern sowie der Nutzung modernster Medien möchte das Deutsche Museum mit dem Ausstellungsbereich »Pharmazie« den »Aufbruch in eine neue Ära« meistern. Wir konnten der feierlichen Premiere beiwohnen und ließen uns die lichttechnischen Einbauten der neuen Ausstellung näher erläutern.

Das Deutsche Museum gilt als das größte Technikmuseum Europas. Jedes Jahr besuchen 1,3 Millionen Menschen das etablierte Gebäude auf Münchens Museumsinsel.

Möchte man sich als Besucher alle Ausstellungen und deren Exponate anschauen, hat man eine Wegstrecke von fast 17 Kilometern zu bewältigen.Vom einfachen Uhrwerk über komplette Schiffe und Flugzeuge bis hin zur Raumkapsel gibt es hier alles zu sehen, was den technischen Fortschritt und die daraus resultierenden Errungenschaften dieses Jahrhunderts ausmacht.

Die neue Ausstellung »Pharmazie«, die sich mit komplexen biochemischen Reaktionen im menschlichen Körper befaßt, ist der erste Teil der Gesamtausstellung »Chemie«, die bis zum hundertsten Geburtstag des Deutschen Museums 2003 neu gestaltet wird.

Mit dem Thema »Pharmazie« haben sich die Ausstellungsmacher keinen Gefallen getan. Nichts ist dem Besucher schwieriger zu erläutern als das Thema »Pharmazie«.

Mittelpunkt und raumbeherrschender Blickfang der Ausstellung ist das begehbare Modell der menschlichen Zelle

Für die komplexen biochemischen Abläufe im menschlichen Körper sind so gut wie keine Exponate verfügbar, die in Vitrinen zur Schau gestellt werden könnten. Um die schwierige Thematik visuell ansprechend und dennoch wissenschaftlich fundiert zu vermitteln, beauftragte das Deutsche Museum ein Team von etablierten Designern, Architekten und Ausstellungsmachern.

In enger Zusammenarbeit mit den Werkstätten des Museums entstand so eine Ausstellung, die nicht nur innerhalb des Deutschen Museums ihresgleichen sucht. Bereits beim Betreten der Ausstellung ist eine Atmosphäre spürbar, die »fesselt«.

Phytopharmaka

Der Einführungsbereich begrüßt die Besucher mit duftenden Heilpflanzen wie Aloe, Ginko, Lorbeer oder dem Kampfer-Baum, eingehüllt in ein grünliches Lichtkleid.

Daß dieser Bereich nur ein Vorbote für weitere visuelle Überraschungen ist, verrät ein Blick durch einen Tunnel, der den Weg zur Hauptausstellung ebnet.

Hier werden, eingerahmt von tiefblauen und tiefroten Wänden, Themen wie Atemwegserkrankungen oder AIDS für die Besucher bearbeitet. Die Ausstellungsbesucher müssen sich nicht auf das einfache Betrachten der Exponate beschränken, sondern werden Bestandteil der Ausstellung.

Das Thema Herz/Kreislauf

Im Bereich Herz/Kreislauf wird der Besucher zunächst darüber informiert, daß der Herzinfarkt die Todesursache Nummer eins in Deutschland ist: jeder zweite Mensch stirbt daran. In diesem Ausstellungsbereich kann man seinen eigenen Blutdruck messen und mit den Multimediastationen etwas über den eigenen Lebensstil und das Risiko, zu erkranken, in Erfahrung bringen.

Die Reise in den Mikrokosmos

Mittelpunkt und raumbeherrschender Blickfang der Ausstellung ist das begehbare Modell der menschlichen Zelle. Die circa 350000fache Vergrößerung einer durchschnittlichen Körperzelle hat eine Länge von elf Metern und einen Durchmesser von circa sechs Metern.

Im Innern der begehbaren Zelle wird deutlich, daß eine Zelle im Prinzip eine »biochemische Fabrik« darstellt, in der nebeneinander und ineinander verzahnt die für die Lebensfunktionen erforderlichen chemischen Reaktionen ablaufen.

Die Zelle entstand als eine Gemeinschaftsarbeit der Bildhauer und Modellbauer des Deutschen Museums. Acht Modellbauer und zwei Bildhauer arbeiteten seit Juni 1999 ausschließlich an dieser Zelle. Um die äußere Oberfläche der Zelle so lebendig wie möglich erscheinen zu lassen, wird diese mit zwölf Projektoren dauerhaft bespielt. Jeder Projektor transportiert dabei ein »flüssiges Farbrad« langsam über die Oberfläche der Zelle. Um die gewünschte Farbgebung der Zelle zu erreichen, wurden die verschiedenen Fluide der Projektionsscheiben eigens für die Ausstellung in England gemischt.

Der Zellwald

Im »Zellwald«, ebenfalls ein Meisterstück der Modellbaukunst, erfährt der Besucher, daß Zellen als kleinste lebensfähige Einheiten der Grundbaustein aller vielzelligen Organismen sind.

Modelle einiger Zellarten wachsen im »Zellwald«, um die Vielfalt der im menschlichen Körper vorkommenden Zellen exemplarisch zu zeigen

Berührt der Besucher ein zur Zelle gehöriges Touchpanel, entfaltet das jeweilige Zellmodell seine komplette Leuchtkraft

Einige spezialisierte Zellarten, zum Beispiel rote und weiße Blutkörperchen, Drüsenzellen, Nervenzellen und Fettzellen, wachsen im »Zellwald«, um die Vielfalt der im menschlichen Körper vorkommenden Zellen exemplarisch zu zeigen.

Am 3-D-Exponat »Das gläserne Paar« wird unter anderem die Wirkung der Sexualhormone erläutert

Sämtliche Zellmodelle innerhalb des Zellwaldes werden mit Seitenlichtfaser gespeist und glimmen zunächst zurückhaltend.

Informieren die Besucher sich nun über die unterschiedlichen Zellarten und berühren ein zur Zelle gehöriges Touchpanel, entfaltet das jeweilige Zellmodell seine komplette Leuchtkraft.

Das gläserne Paar

Eine ähnliche Technik der Exponatbeleuchtung fand auch im »Gläsernen Paar« Anwendung. In diesem von Roland Blum geschaffenen 3D-Exponat wird dem Betrachter unter anderem die Wirkung der Sexualhormone erläutert. Dabei ist die Umsetzung des Themas mit leuchtenden Hoden und Gehirnen sehr amüsant gelungen.

AIDS

Die durch das HI-Virus verursachte Infektionskrankheit Aids hat seit ihrem ersten Auftreten in den Industrieländern Ende der 70er Jahre weite Bereiche unseres Lebens und unserer Gesellschaft grundlegend verändert. Sie traf unsere Gesellschaft zu einem Zeitpunkt, zu dem Infektionskrankheiten als weitgehend besiegt galten und das Auftreten dieser neuen tödlichen Krankheit zunächst zu panikartigen Reaktionen und zur Ausgrenzung der Betroffenen führte.

Wechselnde handschriftliche Aussagen bekannter Künstler wie Jule Neigel und Elton John zum Thema AIDS werden auf den Boden projiziert

Eine eigens für die Ausstellung entwickelte Audio-Spiegel-Installation mit Statements von Betroffenen läßt den Besucher buchstäblich den »Boden unter den Füßen« verlieren.

Wechselnde Bodenprojektionen bekannter Künstler wie Jule Neigel und Elton John mit handschriftlichen Aussagen zum Thema AIDS sind das einzige bewegliche Element in diesem bedrohlichem Themengebiet.

Der lange Weg des Medikamentes

Von der Auswahl eines Therapiegebietes bis zum fertigen Arzneimittel vergehen in der Bundesrepublik durchschnittlich zwölf Jahre.

Beginnend mit der Forschung, folgen vorklinische Entwicklung und klinische Prüfung und schließlich die Zulassung. Um diesen Weg auch atmosphärisch zu veranschaulichen, bedient sich die Ausstellung einer ungewöhnlichen Lichtinszenierung: Über jedem der vier Bereiche hängt ein Gestell mit je 900 beleuchteten Reagenzgläsern. Die Substanzen, die nach der jeweiligen Station weiterentwickelt werden, leuchten jeweils in roter Farbe. Realisiert wurde die aufwendige Konstruktion aus 3600 Reagenzgläsern mit UV-aktivem Granulat und insgesamt fast 2500 Watt UV-Licht.

Eine aufwendige Konstruktion aus 3600 Reagenzgläsern mit UV-aktivem Granulat und insgesamt fast 2500 Watt UV-Licht visualisiert den Weg eines Medikaments von seiner Entwicklung bis zur Zulassung

Fazit

Erstmalig bei einer Ausstellung im Deutschem Museum wurde Licht als maßgebliches Gestaltungselement in die Konzeption einbezogen. Dabei haben die Designer »viele kleine Bühnen« geschaffen und mit Licht die verschiedenen Themenbereiche abgegrenzt.

Gepaart mit den ideenreichen Ausstellungsbauten, wie den Riechstationen oder Sitzgelegenheiten in Tablettenform, werden hier alle Sinne der Besucher angesprochen und Emotionen geweckt.

Objektinformation

Bauherr: Der Generaldirektor des Deutschen Museums, Professor Dr. Wolf Peter Fehlhammer
Projektleitung: Dr. Elke Müller, Deutsches Museum
Projektmanagement: Dr. Klaus Freymann, Deutsches Museum
Architektur: Christian Raupach (Generalplanung), Andreas Hübner, Peter Duck, Raupach & Schurk, München
Ausstellungsgestaltung und Grafik: Thomas Detemple, Gerhard Nüssler, Peter Trautwein, ergon 3, München
Lichtdesign: Antonius Quodt, LightLife Gesellschaft für audiovisuelle Erlebnisse mbH, Köln
Zellenbeleuchtung (innen) und Zellwald: Ludwig Schletzbaum, Deutsches Museum
Programmierung der Lichtinstallationen: Günter Kirchhoff, Kirchhoff GmbH, München
Medienplanung: Roland Blum, Audio Visuelle Medien, Wiesbaden
Modellbauerwerkstatt: Franz Huber, Ulrike Dilling, Claus Grünewald, Wolfgang Heinrich, Markus Herrmann, Karl Heinz Huber, Vera Ludwig, Florian Schmid, Deutsches Museum
Bildhauerwerkstatt: Josef Appl, Berhard Küchle, Elisabeth Schelle, Deutsches Museum